2016 war für mich ein Jahr der Veränderungen. Ich wohnte immer schon ruhig und ländlich, die letzten 8 Jahre in einem Dorf 20 Kilometer von Zürich entfernt – doch vor einem Jahr zog ich nach dem Verlust meines geliebten Ehemannes zurück in meine Heimat, das Tessin. Dort bewohne ich ein kleines altes Häuschen mit Garten in einer ruhigen Wohngegend am Fluss. Ich liebe mein zurückgezogenes Leben, die Arbeit von zuhause aus an meinem Mac, die Wanderungen mit den Hunden in den Wäldern, die Ausflüge mit dem Fahrrad an den See. Hektik und Getümmel gibt es in Ascona und Locarno höchstens in der Touristensaison im Hochsommer und dann habe ich auch immer viel Besuch; im Winter sind diese Städtchen so scheintot wie ihre zum Großteil bereits pensionierten Bewohner. Um endlich mal wieder meine Freundinnen und Verwandten zu treffen, habe ich es nun umgekehrt gemacht als alle: Ich fuhr vom Tessin für eine Woche nach Zürich in die „Ferien“.

Ich nahm mir vor, nicht nur positives wie Kino, Weihnachtsmarkt, Shopping und verschiedene Restaurants zu genießen, sondern möglichst offen und bewusst auch die Kehrseite wahrzunehmen: überfüllte öffentliche Verkehrsmittel, Hektik, Lärm und Nebel … und dazu noch das, was die meisten gar nicht mehr spüren (ich aber schon): Smog und Abgase, Elektrosmog (das permanente energetische Bombardement von unzähligen Handys und WLANs), ungesundes Essen. Ich setzte mich also freiwillig all den Dingen aus, vor denen die meisten Leute in der Freizeit zu fliehen versuchen, und war gespannt, was das mit mir macht. Quasi als Test: Wäre ich hier überhaupt überlebensfähig?

Konsum ist anstrengend und langweilig

Die ersten Tage spüre ich vor allem die Reizüberflutung. Meine Augen werden von unzähligen Dingen angezogen, und da ich es nicht gewohnt bin, so viele Menschen um mich zu haben, finde ich es äußerst interessant, diese zu betrachten. Ich habe auf alles Lust: da ist der Duft von frisch gebackenem Brot, Glühwein, asiatischen Gerichten. Natürlich gebe ich diesen Gelüsten nicht nach. Aber ich genieße das vegane Buffet und Eis im Sacred’s (dem relativ neu eröffneten Restaurant von Vegi-Pionier Walter Dänzer an der Müllerstraße), Smoothies in den wie Kohl aus dem Boden sprießenden to-go-Saftbars, und natürlich (veganes) Sushi, Sushi, Sushi!

Gegen Mitte der Woche stellt sich eine gewisse Übersättigung und Ermüdung ein. Und, da ich nicht 24 Stunden am Tag mit meinen Freundinnen quatschen kann, fernab von meinem Schreibtisch und der doch ziemlich zeitaufwändigen Pflege meiner Hunde auch Langeweile! Ich kann zwar abends in meinem Zimmer stundenlang lesen und im Internet surfen, aber wenn ich allein bin, fehlt doch inmitten all dieser Reize irgendwie irgendwas. Automatisch zieht es mich an einen Ort, der meinem Zuhause ähnlicher ist als die Stadt: in den Zoo. Irgendwo sitzen zu können ohne ständige Geräuschkulisse und Gewusel um mich herum wird zum Luxus. Ich merke, dass das Popcorn im Kino versalzen, der fertige Smoothie im Shopville zu wenig gehaltvoll und abgesehen davon sowieso alles viel zu teuer ist. Kochen in der (zugegeben im Vergleich zu meiner eigenen viel komfortableren) Küche meiner Schwägerin ist eine willkommene Abwechslung.

Kalt ist nicht frisch, Duft ist Gestank

Was macht die Stadt körperlich mit mir? Als erstes meldet sich mein Hals. Es ist keine Erkältung; es ist mehr eine zähe Verklebung, nachts im zentral-überheizten Zimmer am stärksten spürbar. (Mein Häuschen hat zwar auch eine Heizung, aber nicht mal doppelverglaste Fenster.) Irgendwas mit dieser Luft ist definitiv anders, und das ist nicht gut. Sie ist zwar kalt, viel kälter als im Tessin, aber alles andere als frisch. Sensibilisiert auf Gerüche bin ich schon länger, doch jetzt fallen mir die überall exzessiv eingesetzten künstlichen „Düfte“ noch stärker auf – für mich sind sie Gestank, der die anderen Gestänke nicht überdeckt, sondern nur noch schlimmer macht. Auch die Menschen stinken: Nach Nikotin, nach Alk, nach (sorry, aber es ist so) den Tierleichen, die sie essen. Ich habe viel öfter das Bedürfnis, mich waschen zu müssen. Mein Schlaf ist weniger erholsam, und wenn ich unterwegs bin, muss ich aufpassen, nicht in eine automatische innere Abwehrhaltung zu fallen – offen bleiben ist anstrengend. Meine Verdauung ist nach wie vor perfekt, was mich erstaunt nach all dem eher ungesunden und unregelmäßigeren, (wenn auch immer veganen) Essen. Dem setze ich am letzten Tag dann noch die Krönung auf mit super-super-leckerem veganen Döner und Schoko-Erdbeer-Kuchen im EllenBelle am Limmatplatz, einem wirklich coolen Lokal.

Mein Fazit?

Genial ist, dass ich diese Genüsse auch wieder wirklich genießen kann – mein Körper hat sich in vier Jahren veganer Ernährung mit viel Rohkost tatsächlich von all seinen Allergien (Histaminintoleranz, Gluten-Unvertäglichkeit und Probleme mit der Fettverdauung) erholt. Wobei mir bewusst ist, dass diese sich nur allzu schnell wieder einstellen würden, wenn ich auf Dauer so leben würde wie die vergangene Woche. Das will ich nicht und spüre auch absolut kein Verlangen danach. Meine selbstgemachten Smoothies schmecken besser, mein selbst zubereitetes Essen mag „langweiliger“ sein, aber auch deutlich bekömmlicher. Und was das Wohnen betrifft: Es ist zwar praktisch, alles direkt vor der Nase schnell erreichbar zu haben. Doch der Preis, permanent in diesem Kuchen drin zu sitzen, wäre mir dafür viel zu hoch. Es ist mir wieder deutlicher bewusst geworden, wie privilegiert ich doch bin, im Tessin wohnen zu können, und ich werde künftig bestimmt noch dankbarer dafür sein. Und ich weiß eines wieder ganz genau: bevor ich gezwungen wäre, in einer Stadt leben zu müssen, würde ich es vorziehen, noch abgelegener zu wohnen … zum Beispiel auf einem Berg oder mitten im Wald! Für mich ist das kein Verzicht, sondern im Gegenteil ein Gewinn an Lebensqualität.

Durch den soeben eröffneten, neuen und verbesserten Gotthard-Basistunnel fahre ich (etwas schneller) wieder dem Süden entgegen und atme genauso wie alle Touristen erleichtert auf, als der Zug am südlichen Ende aus der Röhre kommt (der längsten der Welt) und mich die Sonne begrüßt.